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Heute, am 08.12., ......

Heute, am 08.12., jährt sich zum 175. Mal der Beginn des Don-Bosco-Werks in Turin.

Der Anfang des Sonntagsoratoriums

aus: Don Bosco, Erinnerungen an das Oratorium des hl. Franz von Sales, 

Deutsche Ausgabe 1992, Don Bosco Verlag, S. 139-142

Kaum war ich in das Konvikt S. Francesco eingetreten, fand ich auch schon eine Schar von Jungen, die mich auf den Straßen, den Plätzen und selbst bis in die Sakristei der Institutskirche begleiteten. Aber aus Mangel an Raum konnte ich mich ihrer nicht direkt annehmen. Ein drolliger Vorfall bot die Gelegenheit, die Verwirklichung meines Plans für die auf den Straßen der Stadt streunenden Jungen, besonders für die aus dem Gefängnis entlassenen, zu versuchen.

Am Festtag der Unbefleckten Empfängnis Mariens (08.Dezember 1841) war ich zur festgelegten Zeit gerade dabei, die heiligen Gewänder anzulegen, um die heilige Messe zu feiern. Giuseppe Comotti, der Sakristan, sah in einer Ecke einen Jungen und lud ihn ein, mir zu ministrieren.

„ Das kann ich nicht“, antwortet dieser ganz beschämt.

„Komm her“, erwiderte der andere, „ ich will, dass du ministrierst.“

„Das kann ich nicht“, entgegnete der Junge, „ich habe das noch nie gemacht.“

„Du Ochs“, sagte da der Sakristan ganz wütend, „wenn du nicht ministrieren kannst, wozu kommst du dann in die Sakristei?“

Damit griff er nach dem Stil des Staubwedels, und schon hagelte es Schläge auf die Schultern und den Kopf dieses armen Kerls. Während der Reißaus nahm, rief ich mit lauter Stimme:

„Was macht Ihr da, warum schlagt Ihr ihn, was hat er denn gemacht?“

„Warum kommt er in die Sakristei, wenn er nicht ministrieren kann?“

„Aber Ihr habt schlecht gehandelt“.

„Was geht das Sie an?“

„Das geht mich sehr viel an, er ist einer meiner Freunde, ruft ihn augenblicklich, ich muss mit ihm sprechen.“

He, He“, fing er nun an zu rufen, rannte ihm nach, versicherte ihm, dass ihm nichts passiere, und brachte ihn zu mir.

Der andere näherte sich, zitternd und weinend wegen der Schläge, die er bekommen hatte.

„Warst du schon in der Messe?“ fragte ich ihn so liebenswürdig wie eben möglich.

„Nein“, erwiderte der andere.

„Komm einstweilen und nimm daran teil; nachher möchte ich gerne mir dir über eine Sache sprechen, die dir gefallen wird“. Das versprach er mir. Es war mein Wunsch die Bekümmerung des armen Jungen zu lindern und ihn nicht mit diesem schlechten Eindruck von den für die Sakristei Verantwortlichen wegzuschicken.

Nach der Feier der heiligen Messe und der gebührenden Danksagung führte ich meinen Kandidaten in einen kleinen Raum. Mit freundlichem Gesicht versicherte ich ihm, er brauche keine Angst mehr vor Schlägen zu haben und fragte ihn dann:

„Mein guter Freund wie heißt Du?“

„Ich heiße Bartolomeo Garelli.“

„Von woher kommst du?“

„Von Asti.“

„Lebt dein Vater?“

„Nein, mein Vater ist gestorben.“

„Und deine Mutter?“

„Auch meine Mutter ist tot.“

„Wie alt bist du?“

„Ich bin sechzehn.“

„ Kannst du lesen und schreiben?“

„Ich kann beides nicht.“

„ Bist du zur hl. Erstkommunion gegangen?“

„Noch nicht.“

„Hast du schon gebeichtet?“

„Ja, aber als ich klein war.“

„ Gehst du jetzt zum Katechismusunterricht?“

„Ich trau mich nicht.“

„Warum?“

„Weil meine kleineren Kameraden den Katechismus kennen; und ich bin schon

so groß und weiß nichts darüber. Darum schäme ich mich, zu diesen Kursen gehen.“

„Wenn ich für dich einen eigenen Katechismusunterricht gäbe, würdest du daran teilnehmen?“

„Dazu würde ich sehr gerne kommen.“

„Würdest du auch in dieses Zimmerchen kommen?“

„Ich werde sehr gerne kommen, wenn ich nur kleine Schläge bekomme.“

„Sei ganz beruhigt, niemand wird dich schlecht behandeln. Überdies wärest du mein Freund, und du hättest nur mit mir und mit niemanden sonst zu tun. Wann möchtest du, dass wir mit unserem Katechismus beginnen?“

„Wann es Ihnen recht ist.“

„Heute abend?“

„Ja.“

„Möchtest du auch jetzt?“

„Ja, auch jetzt sofort, und mit großem Vergnügen.“

Ich erhob mich und machte das Zeichen des hl. Kreuzes um zu beginnen, aber mein Schüler machte es nicht, weil er nicht wusste, wie er es machen sollte. In dieser Katechismusstunde brachte ich ihm bei, wie man das Kreuzzeichen macht; ebenso, dass  Gott der Schöpfer ist und das Ziel, für das er uns erschaffen hat. Wenn er auch ein langsames Gedächtnis hatte, gelang es ihm doch, mit Beharrlichkeit und Aufmerksamkeit innerhalb weniger Sonn-und Feststage das Notwendigste zu lernen, um eine gute Beichte abzulegen und bald darauf seine erste heilige Kommunion zu empfangen.

Zu diesem ersten Schüler gesellten sich einige andere, und im Lauf dieses Winters beschränkte ich mich auf einige Erwachsene, die eines besonderen Katechismusunterrichts bedurften, und vor allem auf solche, welche die Gefängnisse verließen.

Damals konnte ich es mit Händen greifen: wenn die jungen Menschen nach dem Verlassen des Orts ihrer Bestrafung eine hilfreiche Hand finden, die sich ihrer sorgend annimmt, mit ihnen an den Sonntagen zusammen ist, sich darum müht, für sie bei einem ordentlichen Meister Arbeit zu finden und auch manchmal zu ihnen geht, sie dort zu besuchen, dann vergessen sie ihre Vergangenheit, werden gute Christen und rechtschaffende Bürger. Das ist der Ursprung unseres Oratoriums, das mit dem Segen des Herrn diesen Aufschwung genommen hat, den ich mir damals gewiss nicht hätte vorstellen können.